Zettelwirtschaft im Newsroom? Christian Buggisch über Kanban

Autoren: Christoph Moss und Marcel Müller, mediamoss

Christian Buggisch gehört zu den digitalen Vordenkern der deutschen Unternehmenskommunikation. Vor einigen Jahren durften wir mit ihm gemeinsam das Newsroom-Prinzip bei der DATEV eG umsetzen. Eine der zentralen Fragen dabei war die Themensteuerung. Meist geschieht dies mithilfe digitaler Instrumente, neudeutsch Themenplanungstools genannt. Bei DATEV ist sein Team nun auf das Kanban-Prinzip gestoßen: Als Methode der agilen Entwicklung und nun auch zur Themensteuerung im Newsroom.

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Themensteuerung bei DATEV: Kanban Board im Newsroom.

Sie haben Ihr Themenmanagement auf Kanban umgestellt. Was charakterisiert diese Methode? 

Komplett umgestellt haben wir noch nicht, wir sind noch in der Testphase. Kanban ist ja einerseits ein Vorgehen zur Prozessverbesserung – es passt insofern gut zu unseren Kommunikationsprozessen, die wir in den letzten Jahren immer weiter verändert haben. Und es ist andererseits ein visuelles Prozess-Management-System, das transparent macht, was, wann und wie zu produzieren ist – damit passt es gut zu unserer Arbeit an vielen Themen für viele Kanäle. Die meisten kennen Kanban vermutlich aus der agilen Softwareentwicklung, ich denke aber, dass es auch für die moderne Unternehmenskommunikation Vorteile mit sich bringt.

Welche Vorteile sind das?

Wir haben uns ganz konkrete Ziele gesetzt: Wir wollen mit Hilfe von Kanban die Zusammenarbeit in der Abteilung fördern, Transparenz über die Aufgaben und deren Bearbeitung schaffen sowie Blockaden im Prozess aufspüren und diese auflösen. Letztlich soll ein Fluss der Themen durch die jeweiligen Prozessschritte entstehen, der für alle nachvollziehbar und sinnvoll ist.

Es gibt viele Arten, diese Methode umzusetzen – beispielsweise im SharePoint von Microsoft oder klassisch mit Papier und Stift. Wie haben Sie die Umsetzung gestaltet?

Tatsächlich klassisch mit Papier und Stift. Wir haben ein großes Kanban-Board mitten im Zentrum unseres Newsrooms, an dem Papierzettel kleben, die wir ganz altmodisch mit der Hand bewegen.

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Das Kanban Board im DATEV-Newsroom.

Digitalisierung ist das Schlagwort unserer Zeit. Wie sind Sie darauf gekommen, die Methode ganz analog mit Zettel und Stift einzuführen?

Ganz einfach, weil uns ein externer Berater empfohlen hat, damit anzufangen. Bei unserem Projekt zur Verprobung und Einführung von Kanban war von Anfang an klar, dass wir nicht von jetzt auf gleich ein perfektes System einführen – das wäre ja auch ein merkwürdiger Widerspruch zum Kanban-Prinzip selbst, das von ständiger Prozessverbesserung ausgeht. Wir wussten also, wir würden viel verändern und nachjustieren, und das lässt sich mit einem analogen Board, das letztlich aus Klebestreifen und Klebezetteln besteht, viel schneller und leichter tun als mit einem digitalen.

Was ist durch die Einführung des Boards besser geworden?

Wir hatten zuvor immer das Problem, dass wir die Vielzahl an Themen in Planung und Umsetzung schlecht visualisieren und damit auch schlecht in unseren Morgenlagen und Redaktionskonferenzen über sie reden konnten. Das Board ist meiner Meinung nach der perfekte Ort, um unsere Kommunikation über anstehende Maßnahmen zu fokussieren. Das kling vielleicht abstrakt, ist aber ganz einfach: Die Morgenlage zum Beispiel findet jetzt direkt vor dem Board statt. Wir besprechen neue Themen und pinnen sie gleich mit einer neuen Karte ans Board. Bei Themen, die bereits im Prozess sind, lassen sich Probleme schnell identifizieren und ebenfalls direkt am Board ansprechen: zum Beispiel, weil es einen Stau gibt oder wenn eine Deadline gefährlich nahe rückt. Wir tauschen uns intensiver aus und halten die Ergebnisse immer gleich an einem zentralen Ort fest.

Welchen Schwierigkeiten sind Sie bei der Einführung begegnet?

Natürlich bewerten die Mitarbeiter die Vorteile des Boards unterschiedlich, manche stellen es auch komplett in Frage. Man muss vor allem aufpassen, dass man das Board nicht zu kleinteilig und kompliziert macht, da sonst die Übersichtlichkeit leidet und der Aufwand zu groß wird. Generell gilt: Wir wollen niemanden vor vollendete Tatsachen stellen. Das Board ist für alle Mitarbeiter der Abteilung da, daher sind auch alle am Einführungsprozess beteiligt und können sich einbringen und Verbesserungen vorschlagen. Dazu gibt es regelmäßige Retrospektiven.

Was sollten Unternehmen also prüfen, bevor Sie sich für die Kanban-Methode entscheiden?

Am Anfang jeder Veränderung steht ja ein Problem, das man lösen will. Die Frage ist also: Wo drückt der Schuh? Wir waren nach Einführung des Newsrooms mit unserem digitalen Planungstool unzufrieden. Wir wollten mehr Transparenz und Austausch und ein Tool, das die Morgenlagen und Konferenzen besser unterstützt. Wenn es in anderen Unternehmen ähnliche Herausforderungen gibt, kann ich nur empfehlen, sich mal mit Kanban zu beschäftigen. Bis zur Entscheidung dafür oder dagegen empfehle ich dringend ein Einführungs-Projekt unter intensiver Beteiligung aller Betroffenen.

Vielen Dank!

 

Christian Buggisch mediamossblog Beitrag

Zur Person:

Christian Buggisch leitet das Corporate Publishing bei der DATEV eG. Gemeinsam mit mediamoss hat er vor einigen Jahren die Newsroom-Idee in seinem Team umgesetzt. In seiner Freizeit äußert er sich in seinem Blog zu verschiedenen Themen – von Homöopathie über Soziale Medien bis zu Rezepten.

 

 

2 Gedanken zu “Zettelwirtschaft im Newsroom? Christian Buggisch über Kanban

  1. Pingback: Mit Kanban im Newsroom arbeiten – Christian Buggischs Blog

  2. Pingback: Der Stilwandel der Medien #20 | Medienstil

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