CSR-Experte Andreas Severin: „Mitarbeiter fühlen sich in ‚guten‘ Unternehmen wohler“

Autorin: Lara Behrens, mediamoss

Corporate Social Responsibility (CSR) – Unternehmen zeigen zunehmend ihre Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Je nach Engagement des Unternehmens entpuppt sich die Nachhaltigkeitskommunikation als Chance oder stellt die Kommunikatoren vor Probleme. Andreas Severin, Gesellschafter der Agentur crossrelations brandworks, hat uns fünf Fragen zu den Herausforderungen für Unternehmen und den Entwicklungen in der Berichterstattung beantwortet.

Andreas Severin

Seit 2017 ist die CSR-Berichtspflicht in Deutschland gesetzlich geregelt. Was müssen Unternehmen beachten?

Große Unternehmen müssen künftig ausführlicher über nicht-finanzielle Aspekte berichten. Dazu zählen Angaben über Arbeitnehmer-, Sozial- und Umweltbelange, Achtung der Menschenrechte und die Bekämpfung von Korruption. Dabei muss das nicht in einem eigenständigen Nachhaltigkeitsbericht münden, sondern der Berichtspflicht kann man auch im Rahmen des Lageberichts nachkommen. Nach der Neufassung des DSR20 (Rechnungslegungsstandard zum Konzernlagebericht) haben die meisten Unternehmen sowieso damit begonnen, die Berichterstattung über nicht-finanzielle Aspekte, wie Nachhaltigkeit, auszubauen.

Die CSR-Berichtspflicht hatte eigentlich vor allem unter den „Non-Reportern“ für Unruhe gesorgt und man konnte schon eine gewisse Wachsamkeit und Orientierungsbedarf feststellen. Die einen haben sich wieder zurückgelehnt, nachdem klar wurde, dass sie nicht in der Pflicht sind, andere haben das durchaus als Impuls aufgenommen, systematischer über ihre Nachhaltigkeitspraxis zu berichten.

Warum ist CSR-Berichterstattung für Unternehmen eine Chance?

Den meisten Unternehmen, mit denen wir reden, geht es weniger um irgendwelche Ratings oder Rankings. Sie bewegen sich wirtschaftlich eher in Märkten, in denen der Umgang mit Verantwortungsthemen einen wichtigen Indikator auf die Zukunftsfähigkeit und die Unternehmenskultur beisteuert. Ein Unternehmen, dass die Arbeitssicherheit priorisiert, zeigt in aller Regel auch gute Ergebnisse im Qualitätsmanagement.

Wenn Sie Unternehmen fragen, welche Zielgruppe ihnen bei der Nachhaltigkeitsberichterstattung wichtig ist, zeigen fast alle primär auf die eigenen Mitarbeiter. Mitarbeiter fühlen sich in „guten“ Unternehmen einfach wohler und zeigen höhere Loyalitäten. Und Bewerber schauen auch eher in den CSR-Bericht als in den Geschäftsbericht, wenn sie ein Bild von der Ethik und Unternehmenskultur gewinnen wollen.

Welche Entwicklungen beobachten Sie in der Berichterstattung?

Auf der systematischen Seite wird das Thema Integrierte Berichterstattung die Unternehmen beschäftigen. Dahinter steht die ungeteilte Erkenntnis, dass die üblichen betriebswirtschaftlichen Kennzahlen nicht mehr ausreichen und finanzielles und nicht-finanzielles Reporting nur zusammen hinreichend aussagekräftig sind. Die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 hat hier eine wesentliche Katalysatorfunktion gehabt. Geschäftsrisiken haben ebene immer auch frühe Indikatoren auf der nicht-finanziellen Ebene. Tatsächlich hatte das International Reporting Council (IIRC) mit einem Rahmenkonzept auch schon für die nötigen Orientierungen gesorgt. Allerdings ist das schon drei Jahre her und viele Unternehmen beobachten immer noch die Entwicklung und führen ansonsten ihre „Reporting-Silos“ weiter. Sie scheuen einerseits den Aufwand für die Neuausrichtung des Reportings, andererseits spüren sie auch noch zu wenig Druck von der Nachfrageseite.

Schließlich beschäftigt viele etablierte Berichterstatter die Umstellung der GRI-Guidelines von G4 auf die neuen „Sustainability Standards“. Inhaltlich hat sich da wenig geändert, aber Form und Anwendung erfordern ein paar Umstellungen bei den Prozessen und Aufbereitungen.

Auf der praktischen Seite hadern viele Unternehmen noch mit dem Thema Online-Berichterstattung. Während die anderen noch ein PDF für ein ausreichendes digitales Angebot halten, haben andere ihr Reporting schon konsequent interaktiv und über Online-Formate ausgestaltet. Dem läuft mitunter aber die Abkehr vom Desktop-Design und „Mobile First“ entgegen. Darin die schnell etwas ausführlicheren Berichtsinhalte aufzubereiten, ist nicht trivial. Das sind mitunter noch große Baustellen.

Was geht in Sachen CSR-Berichterstattung – und was nicht?

Viele deutsche Unternehmen sind schon auf einem recht ansehnlichen Niveau mit ihrer CSR-Berichterstattung. In Deutschland wie anderswo in der Welt haben vor allem die Richtlinien der Global Reporting Initiative (GRI) über die letzten 15 Jahre die Qualität der Berichte bemerkenswert vorangetrieben. Wer sich heute entschließt, erstmals mit einem Bericht aufzuwarten, sollte das gut vorbereiten. Die Zeiten, in denen man mal eine schöne grüne Broschüre als Umweltbericht ausgeben konnte, um dann wieder in den grauen Alltag zurückzukehren sind definitiv vorbei. Heute sind Quickie-Angebote im Markt, für kleines Geld entlang von Templates Berichte zu realisieren. Wer sich darauf einlässt, hat Sinn und Zweck nicht verstanden und schadet seinem Unternehmen. Wer Nachhaltigkeitsberichterstattung nicht durchhalten kann, sollte die Finger davonlassen und das Geld lieber ins Sommerfest stecken. Nachhaltigkeitsberichte werden heute vor allem von den eigenen Mitarbeitern und von institutionellen Stakeholdern gelesen. Wenn man das nicht gewissenhaft berücksichtigt, fällt einem ein Bericht schnell schmerzhaft auf die Füße.

Wie lässt sich ein CSR-Bericht optimal in die Kommunikation einbinden?

Das ist seit Jahren die große Schwachstelle bei vielen Unternehmen und ein Ergebnis des „Silodenkens“. Eigentlich ist ein solcher Bericht ja nicht nur ein „Proof“ auf den Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung, sondern für die Kommunikatoren ein großartiger Fundus hochwertiger Geschichten, sei es für die externe wie für die interne Kommunikation. Da warten Nachhaltigkeitsberichte allerdings immer noch auf ihre Entdeckung. Ich bin allerdings zuversichtlich, dass die Nachfrage zu ethischen Themen auch hier den Kommunikationshaushalt der Unternehmen regulieren wird.

Zur Person:

Andreas Severin, Jahrgang 1960, ist Gründer und Gesellschafter von crossrelations – corporate communications consultants, seit 2012 crossrelations brandworks.

Nach Gründung der crossrelations GmbH Ende der 90er Jahre hat Severin die Einführung der GRI-Guidelines in Deutschland begleitet. Bereits im Jahr 2000 hat er mit VAW aluminium den ersten an GRI orientierten Bericht in Deutschland veröffentlicht. Seit dieser Zeit hat er mit seinen Teams etwa 60 (Folge-)Berichte produziert, zu jeder Richtliniengeneration. Darunter mehrere ausgezeichnete Berichte und Top-Platzierungen im IöW/Future-Ranking.  Zu den Kunden zählen namhafte Industrieunternehmen (darunter Volkswagen (14 Jahre), Altana, EON, Rhön Kliniken, RAG). crossrelations ist GRI Gold Member und aktives Mitglied im GRI Standards Pioneer‘s Programme.  Andreas Severin ist außerdem Jurymitglied der ECON Awards für den Bereich Nachhaltigkeitsberichterstattung.

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