Christian Buggisch und sein Experiment zur Filterblase: „Echte Kommunikation gibt es da praktisch nicht“

Autor: Dennis Nathem, mediamoss

Jeder einzelne von uns lebt in einer Filterblase und kann nur Ausschnitte der Wirklichkeit wahrnehmen. Was passiert, wenn man die eigene digitale Umgebung verlässt und noch einmal komplett neu anfängt? Dieses Experiment hat Christian Buggisch gewagt: Am Anfang stand ein „Gefällt mir“ für die AfD. Im Interview für den mediamossblog berichtet er aus der „Filterblase Zwei“.

 Christian Buggisch mediamossblog

Herr Buggisch, fassen Sie bitte einmal kurz Ihre Aktion zusammen: Wann haben Sie begonnen Ihre zweite Filterblase aufzubauen, aus welchem Grund, und wie sind Sie dabei vorgegangen?

Auslöser war die Trump-Wahl im November 2016 und die Erkenntnis, dass ich wie viele andere die Wirklichkeit falsch eingeschätzt habe. Ich wollte, auch im Hinblick auf die Bundestagswahl 2017, zu einer realistischeren Einschätzung jenseits meiner Filterblase kommen. Diese Filterblasen waren aus meiner Sicht ein Grund dafür, weshalb wir so gar nicht geahnt haben, dass Clinton nicht Präsidentin werden und die Briten tatsächlich die EU verlassen könnten.

Deshalb habe ich mit einem Pseudonym ein zweites Facebook-Profil aufgemacht und mich rechtslastig in einer neuen Filterblase vernetzt. Ich habe damit begonnen, die AfD-Seite zu liken, das wurde dann sehr schnell ein Selbstläufer, weil ich nur den weiteren Vorschlägen von Facebook folgen musste.

Was wollen Sie damit bezwecken?

Das Ziel war es, aus erster Hand zu erfahren, was in einer rechtslastigen Community gedacht wird, welche Themen dominieren. Ich wollte auch sehen, wie die Filterblasen funktionieren und wie stark sie wirken. Und ich wollte wissen, ob man etwas tun kann, ob man argumentieren kann in diesen Kreisen, eventuell sogar jemanden überzeugen kann.

Was haben Sie bisher herausgefunden?

Eine der Erkenntnisse ist, dass sehr wenig Kommunikation im Sinne von Austausch von Argumenten und Diskussion stattfindet. Stattdessen gibt es ‚stakkatoartige Schlagwortkommunikation‘, sprich: Es werden Links, Meinungen, Thesen gepostet, in der Regel sehr steil und schrill, und auf die wird reagiert. Mit Emojis natürlich und mit sehr knappen Kommentaren, wie „Jawohl!“ oder „Skandal!“. Die visuelle Kommunikation ist auch sehr ausgeprägt, da wird zum Beispiel ein Bild mit einem Galgen als Reaktion gepostet. Aber echte Kommunikation mit Austausch von Gedanken und Argumenten, die auch Ansatzpunkte liefert, um tatsächlich in ein Gespräch zu kommen, gibt es praktisch nicht.

Auffällig ist, dass es sehr wenige sehr aktive Nutzer sind, die die Initialbeiträge liefern. Es ist nicht so, dass sich da eine Community trifft, in der mal der eine und mal der andere etwas sagt. Es gibt einige wenige Führungspersonen, die die Kommunikation stark dominieren.

Vieles konnte man so erwarten, weil es die Klischees erfüllt. Welche Erfahrungen haben Sie dagegen überrascht?

Die größte Überraschung war, wie schnell die Filterblase abgedichtet war. Es wird ja immer wieder angeführt, dass Filterblasen nichts Neues sind. Das stimmt natürlich, jeder Stammtisch ist eine Filterblase. Aber der Unterschied ist, dass „analoge“ Filterblasen offener sind und sich wieder auflösen. Die digitalen Blasen sind unglaublich schnell geschlossen, da genügen drei Klicks bei Facebook, dann ist man in einer Community und bleibt auch in ihr. Das Perfide daran ist, dass viele Nutzer gar nicht wissen, dass sie eine gefilterte Wirklichkeit präsentiert bekommen. Denn was außerhalb ihrer Blase passiert, sehen sie gar nicht.

Welche Lehren kann man aus Ihren Erfahrungen in der Filterblase Zwei ziehen, für den Umgang mit Hass im Netz und den Menschen am „rechten Rand“?

Man kann die Lehre ziehen, dass es definitiv keine einfachen Lösungen gibt. Es werden zahlreiche Probleme deutlich. Bei Hate Speech zum Beispiel glaube ich, dass sowohl Politik als auch die Plattformbetreiber als auch jeder einzelne etwas tun muss. Politiker zum Beispiel neigen dazu, über neue und verschärfte Gesetze an sowas heranzugehen, das halte ich für schwierig. Es gibt ja Gesetze, die aber zu wenig angewendet werden, weil die Justiz mit dem digitalen Tempo kaum mithalten kann. Wenn man jetzt neue Gesetze schafft, können schnell wichtige Grundrechte wie die Meinungsfreiheit tangiert werden. Das gilt auch, wenn Plattformbetreiber gegen Hate Speech vorgehen.

Gibt es auch Lehren für die Wahrnehmung unserer eigenen Filterblase?

Ja, definitiv. Wir alle fühlen uns wohler, wenn man unsere Meinung bestätigt, als wenn man ihr widerspricht. Mir wurde klar, dass ich diese Sehnsucht nach bestätigenden Meldungen, die mein eigenes Weltbild eher noch runder machen, überwinden muss. Das hat dazu geführt, dass ich explizit Menschen und Seiten in meiner normalen Filterblase zulasse, mit denen ich nicht übereinstimme. Niemand wird entfreundet, nur weil er konträre Positionen bezieht. Das ist ein Teil der Vielfalt, die ich haben will. Diesen Schalter im Kopf sollte jeder umlegen, auch wenn es schwerfällt.

Dachten Sie in der Filterblase Zwei bei manchen Meldungen und Meinungsäußerungen auch mal: „Da ist was dran“?

Die Filterblase ist sehr ermüdend, wenn man sie längere Zeit verfolgt, weil immer wieder die gleichen drei Frames, also Deutungsrahmen, bedient werden: Es geht gegen Fremde, also Muslime oder generell Ausländer, es geht gegen etablierte Politiker und es geht gegen Institutionen wie die so genannte „Lügenpresse“.

Nicht alles, was dazu gepostet wird, ist falsch, zum Beispiel gibt es natürlich kriminelle Ausländer. Jeder Einzelfall wird aber absolut gesetzt. Jedes Beispiel eines kriminellen Ausländers dient als Beleg dafür, dass alle Ausländer kriminell sind, und dem stimme ich natürlich nicht zu.

In ihrem Blog schreiben Sie, dass Fake News bereitwillig geglaubt werden, weil sie nach Ansicht der Leser in der Filterblase zutreffend sein könnten. Was sind das für Fake News, und wer sind die Urheber?

Ich bin der Meinung, man sollte Fake News relativ eng definieren: Es muss eine redaktionelle oder journalistische Verarbeitung geben, es muss eine bewusste Fälschung sein (ein Recherchefehler führt also nicht gleich zu Fake News) und es muss ein Ziel verfolgt werden, es muss sich also um eine absichtliche und zielgerichtete Desinformation handeln.

Es gibt Plattformen, die gezielt Fake News verbreiten, teils russischer, teils deutscher Herkunft. Sie wollen zum einen Reichweite generieren, zum anderen verfolgen sie ideologische Ziele und bedienen genau die Frames, die ich eben erwähnt habe.

Sehen Sie Möglichkeiten, wie Medienmacher und die Kommunikationsbranche dem Auseinanderdriften der Gesellschaft entgegenwirken können?

Für Unzufriedenheit gibt es immer Gründe, und die sind zunächst politisch und gesellschaftlich zu lösen und nicht durch die Kommunikationsbranche. Dennoch sehe ich Handlungsbedarf auch für Medienmacher: Der seriöse Journalismus sollte wieder an Gewicht gewinnen. Journalismus war schon immer ein Korrektiv gegen Fake News und so genannte alternative Fakten. Dieser Journalismus ist durch die Digitalisierung, wie wir alle wissen, in Bedrängnis geraten. Die Lücke, die entstanden ist, wurde gefüllt durch eine Vielzahl an Angeboten, die bei weitem nicht alle seriös sind, sondern im Gegenteil für Beliebigkeit, Verwirrung und fehlende Orientierung sorgen.

Vielen Dank!

 

Christian Buggisch mediamossblog Beitrag

Zur Person:

Christian Buggisch leitet das Corporate Publishing bei der DATEV eG. In seiner Freizeit äußert er sich in seinem Blog „über Internet und echtes Leben“ zu verschiedensten Themen – von Homöopathie über Soziale Medien bis zu Rezepten. Für den Blog hat er auch einige Artikel über das Experiment Filterblase Zwei verfasst.

Social Media: Möge der Kelch an uns vorübergehen

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Was deutsche Unternehmen auszeichnet, ist ihr Beharrungsvermögen. Es ist schon erstaunlich, mit welcher Konsequenz sich Marketing-Entscheider auch 2015 vor Sozialen Medien drücken. Facebook für das Industriegeschäft? Das ist nur etwas für Jugendliche. Twitter? Das nutzt niemand. Instagram? Verstehen wir nicht.

Der Druck kommt, wie so oft, aus dem Ausland. Wenn B2B-Unternehmen in Deutschland auf Facebook verzichten, laufen sie Gefahr, jenseits der Grenzen nicht mehr ernstgenommen zu werden. Der Umgang mit Sozialen Medien ist im internationalen Geschäft längst so selbstverständlich geworden wie das Senden einer E-Mail. Wer hier Rückständigkeit zeigt, wird Probleme bekommen, die Innovationskraft seiner Produkte international zu kommunizieren.

Noch immer aber verstecken sich vor allem B2B-Anbieter hinter einer Fülle von Vorurteilen. „Soziale Medien sind nur etwas für Jugendliche. Über diese Kanäle wird vor allem anonyme, unsachliche Kritik geäußert. Damit beschädigen wir unsere Marke.“ Wer genauer hinsieht, stellt fest, dass manch ein Entscheider die Sozialen Medien noch nicht verstanden hat. Inständig hält sich die Hoffnung, dieser Kelch der Modernität möge an uns vorübergehen.

Wer so denkt, wird scheitern. Auto, Elektrizität, Computer, Soziale Medien: Man kann ohne sie leben. Aber erfolgreiches Marketing geht anders.

Porsche und der Newsroom: Interview mit Dr. Josef Arweck

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Pünktlich zum 24-Stunden-Rennen von Le Mans hat die Porsche AG ihren neuen Social-Media-Newsroom gestartet. Ein Gespräch mit Dr. Josef Arweck, Leiter der internen Kommunikation bei Porsche.

 

Warum braucht Porsche einen Newsroom?

Dr. Josef Arweck: Porsche will transparent informieren und das mit zeitgemäßen Instrumenten. Unsere Zielgruppen arbeiten verstärkt online. Darauf reagieren wir mit dem Newsroom. Die Plattform soll die zentrale Anlaufstelle für Recherche über Porsche im Web werden.

 

Welche Funktionen bietet der Newsroom?

JA: In erster Linie geht es um Nachrichten und Hintergrundberichte rund um Porsche. Ergänzt werden diese mit der ganzen Bandbreite an Angeboten, die eine multimediale Plattform zur Verfügung stellt. Dazu gehören Videos, Bilderserien, Downloads, weiterführende Links – jeder Artikel ist ein eigenes Themenportal. Wichtig ist uns auch die Verknüpfung mit den sozialen Medien.

 

Welche Zielgruppe sprechen Sie damit an?

JA: Journalisten, Blogger und Online-Multiplikatoren. Wir haben den Newsroom aber ganz bewusst für alle Interessierten zugänglich gemacht.

 

Welchen Mehrwert bietet der Newsroom der Zielgruppe?

JA: Der größte Mehrwert sind die exklusiven Einblicke in das Unternehmen und die breite Palette an Zusatzinfos. Noch nie zuvor hat Porsche in einem crossmedialen Online-Angebot so weit hinter die Kulissen blicken lassen.

 

Was ist das Alleinstellungsmerkmal des Newsrooms?

JA: Der Newsroom bietet umfassende Informationen aus erster Hand, die es anderswo nicht gibt und nicht geben kann, da niemand so nah am Unternehmen ist wie wir selbst. Wir bieten die einmalige Möglichkeit, Einblicke in das Unternehmen zu nehmen, die mit der traditionellen Pressearbeit bisher nicht möglich waren.

 

Das Gespräch führte Simon Albers, mediamossblog.

Foto: www.newsroom.porsche.com